Männergewalt gegen Frauen: kein Ende in Sicht? Patriarchale Strukturen regenerieren sich ständig neu – Anita Heiliger

http://www.anita-heiliger.de/htm/MaennergewaltgegenFrauen.pdf bzw. unter: http://www.anita-heiliger.de/und dann in der linken Spalte auf „downloads“ klicken … (und dann siehe den letzten Eintrag unter „Zu Gewalt gegen Frauen“).

Vortrag auf der 30-Jahrfeier des Frauenhauses Osnabrück am 2.12.2011 in Osnabrück.

Eine Kultur der Pornofizierung unterläuft die Erfolge im Kampf für die Befreiung von Männergewalt

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(Der Vortrag geht inhaltlich über die Schwerpunkte als unseres Blogs hinaus. Daher ist die Vaterrechtsdiskussion gekürzt – sie ist auch ein (brutales) Mittel der Herrschaftsicherung; sowohl diese Diskussion als auch die Wirkung von Pornografie sind hier vorrangig mit Blick auf sexuelle und allgemein auf männliche Gewalt interpretiert.)

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Zusammenfassung

Die Erfolge der letzten Jahrzehnte erscheinen zunächst eindeutig: Neben der Neufassung des Gesetzes zur Vergewaltigung und der darin dringend nötigen geänderten Definition, hier nicht Gegenstand, stehen deutliche Verbesserungen beim Opferschutz, dabei vor allem das „Gewaltschutzgesetz“, das es Frauen ermöglicht, ggf. mit ihren Kindern in ihrer Wohnung bleiben zu können statt fliehen zu müssen. Der Mann wird entfernt und darf sich nicht mehr nähern. Außerdem gibt es inzwischen Beratungsstellen und Frauenhäuser für von Gewalt betroffene Frauen – laut Vortrag (über eine Kundgebung des Autonomen Frauenhauses in München am 25.11.2011 genannt) blieben 2010 ca. 600 Frauen durch dieses Gesetz in ihren Wohnungen, etwa 300 flüchteten in eines der drei Frauenhäuser. Diese Zahlen – nur für München – belegen ein hohes Ausmaß an Gewalt, aber wenigstens auch Unterstützung.

Zu den jurisitische Fortschritten kommen die großen Erfolge von Mädchen und jungen Frauen in Schule und Ausbildung – und eine Medienwelt, die uns suggeriert, dass es gar keine Probleme mehr gibt: So viele erfolgreiche Frauen im Fernsehen, Journalistinnen, eine Bundeskanzlerin … was will frau also noch??

Dem entgegen stehen natürlich die Zahlen, die wir alle kennen, und unsere Alltagserfahrungen und Beobachtungen:

Wir sehen uns nach 40 Jahren Auseinandersetzung mit Männergewalt gegen Frauen sowie der Durchsetzung einer Vielfalt von Maßnahmen im politischen, sozialen und juristischen Bereich einem anhaltenden Ausmaß der Gewalt gegenüber. Zusätzlich sind wir mit einer fatalen Entwicklung zu einer neuen Qualität von weiblicher Abwertung konfrontiert: Während auf der einen Seite die Erfolge von Mädchen und Frauen im Bildungsbereich gefeiert werden und starke Frauen in den Medien auch den eigenen Erfolg in erreichbare Nähe zu rücken scheinen – selbst Bundeskanzlerin ist ja denkbar geworden –, gehen gegenteilige Botschaften vom überbordenden Trend zur Pornografisierung der weiblichen Darstellung aus. (S.1)

Diese Pornografisierung macht Frauen krank und gibt Mädchen völlig falsche Signale, bringt sie dazu, die Verfügung über ihren Körper aufzugeben bis hin zu schmerzhaften und gefährlichen sexuellen Handlungen. Das Grundproblem und der Zusammenhang mit Gewalt gegen Frauen besteht in dem als Norm gesetzten männlichen Blick auf sie, ein Blickwinkel, der Männern nützt und den Frauen (und besonders sehr junge Frauen) oft übernehmen – „freiwillig“ oder mangels anderer gültiger kultureller Angebote. Gleichzeitig ist dieser „männliche“ Blick natürlich kein grundsätzlich biologisch oder schicksalhaft gegebener Blick. Diese Art der Betrachtung, die „männliche“ Bedürfnisse in den Mittelpunkt stellt und Frauen auf die Stufe einer Ressource zur Befriedigung eben dieser Bedürfnisse stellt, ist das Ergebnis einer in unserer Kultur eingeübten und durchgesetzten männlichen Sozialisation, also der Werte und Einstellungen, die Jungen und Männern direkt und indirekt vermittelt werden. Dazu gehört als Kernbestandteil der so geschaffenen männlichen Kultur:

die Selbstverständlichkeit der Inanspruchnahme von sogenannten Sexdiensten […] „Sex immer, immer öfter und um jeden Preis“ […], die Gleichsetzung sexueller Betätigung mit Verfügung über Frauen und Männlichkeit […]. (S.6)

Während wenigstens ein europäisches Land – Schweden – diese Sicht mit der Bestrafung der Freier bei Prostitution ablehnt, bleiben andere Länder – Deutschland – bei der völlig unhinterfragten Hinnahme der zugrunde liegenden Sexual- und Männlichkeitsmythen stehen. Mit ihnen verbunden ist ein grundsätzlich sehr gestörtes Verhältnis zu Gewalt bei gleichzeitigem gezielten Einsatz von Gewaltausübung als „Akt bewusster Machtaneignung“ (S.7)  – und die Selbstverständlichkeit, mit der das hingenommen wird.

Hier etwas zu ändern, wirklich und nachhaltig umzudenken und die aus der seriösen Männlichkeitsforschung längst bekannten Ergebnisse umzusetzen, ist so schwierig, weil dieser Blick und diese Einstellungen als Bestandteil eines „hierarchischen Männlichkeitskonstrukts“ (S.7) sowohl die Konsequenz als auch die Vorbedingung des Patriarchats sind, daher so perfide wirken können. Da sie sich gegenseitig bedingen, regenerieren und formulieren sie sich immer wieder neu, zeigen eine unglaubliche Anpassungsfähigkeit an jede neue Situation und Entwicklung. Anders gesagt: Die Bedingung führt zur Konsequenz und die Konsequenz stützt die Bedingung – wie in jedem sehr stabilen zirkulären System gilt auch hier: plus ça change … Ein grundsätzlich geänderter Blick auf ‚Frauen‘, ‚Männer‘ und ihre Chancen auf Freiheit und Selbstentfaltung kann innerhalb dieses Systems kaum gedacht werden.

Entsprechend reagieren auch viele Frauen. Von den Medien entweder beruhigt oder verunsichert, fügen sie sich auch dann in entsprechende patriarchale Strukturen ein, wenn sie sich nicht gerade individuelle Aufstiegschancen dadurch ausrechnen:

[…] statt an der Abschaffung dieses Konstruktes zu arbeiten, haben sie Mitleid mit dem Mann, der sich so ohnmächtig fühlt und stützen ihn. Sie stützen damit die Geschlechterhierarchie, die Aufrechterhaltung der männlichen Dominanz und ihre eigene Abwertung. (S.7)

In dieser Textstelle geht es um die grundlegende Haltung, die viele Frauen zu Männern einnehmen (und mit der sie deren aggressives, gewaltbereites und dominierendes Verhalten verniedlichen). Um so mehr werden entsprechende Einstellungen und Verhaltensweisen nahe liegender weise von Männern, aber eben auch von Frauen artikuliert, wenn Männer nicht nur die Täter, sondern die unmittelbaren Opfer von Gewalt sind. Zahlreiche Maskulinistenforen leben von der Veröffentlichung und Verbreitung solcher Ideen und beziehen sich dabei auf wissenschaftlich unhaltbare aber gut verkaufte Pseudo-Studien zu Männern als Opfer gewalttätiger Frauen (vgl. S. 11 und S.13.). Doch auch die Erfahrungen mit der Aktion #ichhabnichtangezeigt bestätigen dies alles absolut. Wir erhielten immer wieder Emails und facebook-Kommentare, in denen nicht nur – eher inartikulierte – Männer,  sondern auch Frauen forderten, wir müssten uns doch erheblich mehr um die Männer kümmern, „gerade wir Frauen“ müssten das, und der Text auf unserer Seite müsste „dringend ganz schnell geändert werden“ … und das, obwohl sich die Webseite ja explizit an „Frauen und Männer“ richtete, Männer gar nicht ausschloss und der Fokus auf Frauen erst im Text darunter deutlicher wurde. Dieses grundsätzliche Mitleid mit Männern gilt immer zusammen mit der folgenden Bewertung negativer, gewalttätiger und herabsetzender Erfahrungen:

Männliches Leid wird als Skandal hingestellt, weibliches Leid gilt als normal, nicht der Rede wert – patriarchale Verhältnisse eben (vgl. Heiliger 2008). (S.12)

Dieser Textausschnitt bezieht sich auf die Selbstdarstellung von Maskulinisten der neuen Vater“rechts“bewegung (eigentlich meinen sie die politische Richtung, nicht „Rechte“ – meine Polemik jetzt, wobei – siehe Vortrag – eine Reihe dieser Männer tatsächlich durch Nähe zur rechten Szene auffällt; S.13). Gleichzeitig gilt er auch und gerade in der Bewertung von sexuellen Übergriffen. Für Frauen erscheint es in dieser Wertung irgendwie normal, vergewaltigt und/oder geschlagen und/oder beleidigt zu werden, für Männer hingegen eine Katastrophe. Nun, das wissen wir, es gibt auch einen Artikel mit genau dieser Einstellung auf diesem Blog, irgendwann im März (von Claudia) eingestellt, Beispiel Afrika …

Auf der konkreten, lebensweltlichen Ebene, auf der Frauen (und Männer) handeln, finden sich auch die konkreten, medial, politisch und institutionell abgesicherten Unterdrückungsstrategien, die denjenigen Frauen (und Männern) gegenüber angewendet werden, die das System durchschauen und Änderungen fordern:

Dank tradierter, effektiver männlicher Netzwerke in Institutionen, Medien und Politik gelang es trotz aller Gleichberechtigungspolitik den Spieß umzudrehen: Die armen Männer, die benachteiligten Jungen, die von Lehrerinnen feminisiert, befriedet werden und damit ihrer Identität beraubt würden (vgl. Zeit, Spiegel etc.). Das Bestreben nach Befreiung der Frauen aus der kollektiven Unterwerfung sowie der Männer aus der dominanten Mackerrolle, war – als Jahrhundertwerk – noch zu jung, um diesem Backlash standzuhalten. (S.9)

Die zur Zeit von diesen Netzwerken eingesetzten Mittel sind das neue „Vaterrecht“ – erschütternd – und die gnadenlose Pornografisierung des weiblichen Körpers, im Kombi-Pack geliefert mit der „korrekten Leseanleitung“ dieser Darstellungen.

Die Pornografisierung des weiblichen Körpers, der weiblichen Darstellung und Sexualität hat akzeptierten Eingang in die Alltagskultur gefunden. Täglich müssen die meisten Frauen ihre Abwehr gegenüber der allgegenwärtigen Flut von sexualisierten Frauendarstellungen aktivieren, wegschauen, verdrängen, ihre Wut, Empörung und Demütigung wegstecken. Aber welche öffentlich Kritik an der Pornografisierung übt, gerät auf Glatteis, sieht sich persönlich diffamiert, als prüde und lustfeindlich abgestempelt, oder sie fürchtet, dass es so kommt – das wirkt, also findet Kritik kaum statt. (S. 3)

Und daher:

Meiner Auffassung nach ist die Pornographisierung von Frauen das zentral wirksame Mittel, sie kollektiv wie individuell neu zu entwerten. (S.3)

Ein weiteres, uns allen bekanntes Beispiel, war der mit unglaublichem Nachdruck betriebene Nachhilfeunterricht in Dingen männlicher Gewalt und medialer Verfestigung der Bedingungen dieser Gewalt anlässlich von Kachelmann und Strauss-Kahn:

Wieder einmal ist deutlich geworden, dass sexuelle Gewalt Ausdruck und zugleich Absicherung männlicher Dominanz ist (vgl. Herman 2011). (S.14, Fußnote)

[ Neben die Darstellung der Gewalt – die Anzeigen verloren ihren Charakter der Aufdeckung von Gewalt praktisch mit ihrem Erscheinen in den patriarchalen (=mainstream) Medien – trat unmittelbar die Gewalt der Darstellung – die Pathologisierung von Kachelmanns Exfreundin als arme krank gewordene labile verlassene Geliebte, die völlig sachfremde Information zu Nafissatou Diallo in der Süddeutschen Zeitung, auch an ihr sei die in Sierra Leone angeblich übliche Genitalverstümmelung durchgeführt worden  … die entscheidende Taktik, mit der tatsächliche Gewalt verdeckt, verleugnet und verschoben wird, weil der öffentliche Diskurs entscheidet, wie darüber gesprochen wird, wie die Gewalt – und die Frau, die sie aufdeckt – wahrgenommen werden. – Persönlicher Kommentar, geht über Vortrag hinaus aber entspricht ihm; zu „violence of representation“: Alles von Teresa de Lauretis lesen… Sehr viel drastischere und unmittelbare Formen dieser Gewalt finden sich auf den entsprechenden Formen der Vaterrechts- und Männerrechtsbewegung in den unsäglichen Beleidigungen, Fehlinformationen und persönlichen Angriffen. Die sind es nicht wert, auf einem Frauenblog zu stehen, nicht mal auf einem internen. ]

In Folge der Pornografisierung wird die gerade seit etwa 100 Jahren erreichte Bewegungsfreiheit von Frauen und Mädchen – auch und gerade ihre soziale Mobilität, ihr beruflicher und gesellschaftlicher Aufstieg – durch neue Begrenzungen und Vorschriften massiv eingeschränkt. Ihre Aufmerksamkeit wird abgelenkt vom Erwerb sinnvoller Qualifikationen, den Bedingungen ihrer individuellen, persönlichen Entwicklung und von Strategien des tatsächlichen Machterwerbs und statt dessen hingelenkt zu den mit Vorbildcharakter überall gezeigten Bildern einer neuen „Weiblichkeit“. Eine Frau mit Erfolg muss sich heute „sexy“ präsentieren, und sie muss auch so handeln (S. 2). Ihre ureigenste menschliche Freiheit der Verfügbarkeit über den eigenen Körper wird so negiert, der tatsächlich vorhandene individuelle Körper der jeweiligen Frau problematisiert, einer permanenten pseudo-ästhetischen Bewertung unterworfen, er wird wieder zum Kampfgebiet gesellschaftlicher Normen und Selbstbehauptung. Dabei spielt es für die einzelne Frau gar keine Rolle, ob sie nun daran verzweifelt und krank wird, dass sie mit ihrem Körper diesen Normen entsprechen will, oder ob sie dies durch ihre Auflehnung dagegen erlebt.

Hier spielt nur eines eine Rolle: Der „männliche“ Blick auf den Körper und die gesellschaftlich unhinterfragt gestützten Einschüchterungstaktiken, mit denen dieser Blick zur völlig normalen Sichtweise gemacht wird.

Der Ausweg aus diesen Zuständen liegt also in der Veränderung des „männlichen“ Blicks – darin, deutlich zu machen, dass dieser Blick weder notwendig „männlich“ ist, noch notwendig ist noch irgendwie relevant ist. Allerdings gilt hier eine pessimistische Sicht der Dinge. Trotz anfänglicher Erfolge und trotz der Arbeit von Männern, die dominierende Männlichkeitsbilder auch für sich selber als einschränkend empfinden, bleibt:

Die Erkenntnis, dass Männergewalt gegen Frauen nicht wirklich abgenommen hat, ist niederschmetternd, macht sie doch unübersehbar, dass die Vielfalt der im Laufe der vergangenen 30-40 Jahre ergriffenen Maßnahmen zwar für die betroffenen Frauen sinnvoll und notwendig sind, aber den Kern des Problems bisher noch nicht getroffen haben oder dass sogar systematisch die entscheidende Frage umgangen wurde und weiterhin wird: nämlich warum Männer Frauen misshandeln, wie wir sie stoppen können und wie wir verhindern können, dass Jungen zu Tätern werden. (S.7)

Daher – neben all unserer Arbeit zu Frauen (S. 8):

Konsequentes Umdenken in der Männerfrage ist unausweichlich.

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