Vergewaltigungsmythen unter Frauen

Vergewaltigungsmythen beinhalten all die beruhigenden, verharmlosenden oder opferbeschuldigenden Texte, mit denen sexuelle Gewalt geleugnet wird:

Es  ist nicht so viel passiert, manchen Frauen macht das ja Spaß, die Frau hat provoziert, sie war unvorsichtig, ihr Verhalten und ihre Kleidung waren falsch, der Mann brauchte das jetzt, die Welt ist gerecht und deswegen passiert so etwas nur schlechten Menschen, etc.

Sie ähneln Krankheitsmythen (Menschen werden nur krank, weil sie sich falsch ernähren, psychische Probleme haben etc.) und erfüllen eine ähnliche Funktion. Allerdings sind sie schlimmer, da sie Täter schonen und Vergewaltigungen zu einem fast straffreien Delikt machen. Anders als Krankheitsmythen sind sie auch geschlechtsspezifisch, also in der Praxis einseitig gegen Frauen gerichtet. Sie nützen damit den Tätern und untermauern die Funktion der Vergewaltigung: Die Disziplinierung von Frauen.

Warum werden sie von so vielen Menschen und Frauen geglaubt?

In der Frankfurter Rundschau erschien Anfang September ein von Frauke Haß geführtes Interview  mit dem Bielefelder Professor und Sozialpsychologen Gerd Bohner.

Seine wesentliche These:

Sie bauen sich damit eine Illusion der Unverwundbarkeit auf.

Solange Opfern eines Verbrechens in irgendeiner Weise die Schuld für das Erlebte zugewiesen wird, können alle anderen sich eigene Sicherheit vorspielen:

Wenn die Opfer, wie die Mythen behaupten, „irgendwie mit schuld“ sind, sagen sich die Frauen: „Dann muss ich mich nur ,richtig´ verhalten, und schon passiert mir nichts.

Da Frauen die weitaus größte Gruppe von Opfern dieser sexuellen Gewalt stellen, und da Vergewaltigungen erheblich häufiger sind, als oft angenommen (die Dunkelziffer liegt bei geschätzten 90-95% gegenüber ca. 8000 angezeigten Fällen im Jahr), haben Frauen auch ein größeres Bedürfnis, sich abzugrenzen und sich diesen – so Bohner „Angstpuffer und Selbstwertschutz“ aufzubauen. Sie brauchen diesen Schutz um sich frei zu bewegen, weil „Frauen zwischen 15 und 44 Jahren schwerer von sexueller Gewalt betroffen sind als von Krebs, Krieg und Autounfällen zusammen.“

Doch auch Männer profitieren laut Bohner von Vergewaltigungsmythen, wenn sie das wollen – sie können damit eigenes Verhalten oder eigene Aggressionen und Wünsche sozial akzeptabler formulieren und für sich rationalisieren.

Das Ergebnis ist der gesellschaftliche und juristische Schutz vieler Täter. Vergewaltigungen werden von der Polizei, von Staatanwaltschaft und RichterInnen mit den Mythen (nachts, junges Opfer, fremder Täter, Überfall auf dem Weg nach Hause) verglichen. Je weniger der Tathergang und die Tatumstände diesem Bild entsprechen, desto höher sind die Zweifel an der Aussage der Betroffenen und desto geringer die Strafe für den Täter (falls es überhaupt zu einer Verurteilung kommt).

Gerd Bohner konstatiert in der Gesellschaft allgemein zumindest ein höheres Bewusstsein dafür, dass zu platte Schuldzuweisungen nicht mehr politisch korrekt sind. Die Mythen existieren aber dennoch weiter. Sein Fazit zur Veränderung der Einstellungen:

Am zuverlässigsten [durch] ein Vorbild aus der peer group, das aufsteht und diese Klischees Unfug nennt.

Dem stimmen wir absolut zu!

Die inakzeptablen Folgen dieser Mythen für die Opfer und Überlebende dieser Gewalt – egal welchen Geschlechts – Einschüchterung, soziale Ausgrenzung und Täterschutz. In diesem Zusammenhang verweisen wir auf die Einträge der Aktion #ichhabnichtangzeigt, die als Social Media Aktion vom 1. Mai bis zum 15. Juni 2012 lief und deren Ergebnisse im Netz (und auf dieser Webseite) nachzulesen sind.

Die Einträge zeigen, wie sexuelle Gewalt in der Realität aussieht und zeichnen ein erschütterndes Bild der unmittelbaren Umgebung ihrer Opfer. Neben unserer Arbeit an Gesetzesänderungen und an der Rechtsprechung in Deutschland haben wir alle die Aufgabe, als Individuen und als Gesellschaft klar Stellung zu beziehen, die Taten als solche zu benennen und Täter und Opfer nicht zu verwechseln.

claudiamayr, Innis

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