#ichhabnichtangezeigt

Ich habe nicht angezeigt … weil

Vom 1. Mai bis zum 15. Juni 2012 lief auf der Webseite www.ichhabnichtangezeigt.wordpress.com, auf Facebook und Twitter die Social Media Aktion #ichhabnichtangezeigt. Ursprünglich nach englischen und französischen Anregungen in München im Kofra geplant, wurde sie von drei Frauen (Daniela Oerter, Sabina Lorenz, Inge Kleine) durchgeführt. Sie richtete sich an Frauen (und Männer), die sexuelle Gewalt erlebt haben und ermöglichte ihnen anonym zu berichten, warum sie nach einem Übergriff keine Anzeige erstatteten.

1105 Menschen stellten ihre Geschichte online. Das Ziel der Aktion war, in einer größeren Öffentlichkeit ein Bewusstsein dafür zu schaffen, was sexuelle Gewalt wirklich ist und wie sich die Situation der davon Betroffenen gestaltet. Wir wollten zeigen, warum so viele von ihnen schweigen, der „Dunkelziffer“ Gesichter geben, das „Dunkelfeld“ der 95% nicht angezeigten Taten erhellen und dabei die Opfer bzw. Überlebenden dieser Gewalt selber sprechen lassen.

Schließlich werteten vor allem Daniela Oerter und Sabina Lorenz die Einträge  aus. Die Auswertung wurde stellvertretend für die Polizei der Münchner Polizei übergeben. Ein innerhalb von fünf Tagen von 1550 Menschen unterzeichneter Offenen Brief  enthält eine Reihe von Forderungen an die Bundesministerien für Familie, Jugend, Frauen und Senioren, für Justiz und für Inneres.

Ergebnisse:

Die Einträge auf der Webseite zeichnen ein eindringliches Bild der Situation der Opfer sexueller Gewalt. Sie zeigen die unglaubliche Wirksamkeit der uns allen längst bekannten Vergewaltigungsmythen. Betroffene sind dadurch entweder so eingeschüchtert, dass sie nicht anzeigen, oder können sich selbst zunächst davon nicht lösen. Dazu kommt die mangelnde Unterstützung durch die unmittelbare Umgebung.  Entsprechend rangieren Gründe, die unter „emotionale Belastung“ fallen, an oberster Stelle,  noch vor „Angst“ und vor dem mangelnden Vertrauen in Polizei und Justiz. Die Kategorie „emotionale Belastung“ beinhaltet dabei eine Reihe von Gefühlen: Scham- und Schuldgefühle (Alkohol, Kleidung, eigenes Verhalten etc.), aber auch andere Formen emotionaler Überforderung. Gerade bei sexueller Ausbeutung im Kindesalter hatten die Betroffenen die Erlebnisse verdrängt und die Erinnerung und selbstständige Auseinandersetzung mit dieser Gewalt fiel in eine Zeit deutlich nach den jetzigen (skandalösen!) Verjährungsfristen. Auch viele erwachsene Frauen nannten Erinnerungslücken und Selbstzweifel an der eigenen Wahrnehmung, zusammen mit Gefühlen der Hilflosigkeit und der Zerstörung. Häufig wollten sie die Tat einfach vergessen oder nicht wahrhaben. Sie hatten in der gegebenen Situation keine Kraft für die juristischen Schritte, die von jedem Opfer eines sexuellen Übergriffs sehr viel verlangen.

Der zweithäufigste Grund war „Angst“ – Angst, dass andere die Aussage nicht glauben würden (an erster Stelle), Angst vor Retraumatisierung durch das Verfahren, Angst vor den Tätern, Angst vor sozialer Stigmatisierung durch die Umgebung. Stimmig in diesem Zusammenhang ist auch die Schilderung der Reaktionen des unmittelbaren Umfelds – in vielen Fällen erhielten die Betroffenen hier keinerlei Hilfe. Ihnen wurde nicht geglaubt, es wurde ihnen die Schuld für die Tat zugewiesen, die Taten wurden verharmlost oder von Mitwissenden sogar verleugnet.

Erst an vierter Stelle nannten die Betroffenen „mangelndes Vertrauen in Institutionen, Polizei und Justiz“. Hier fanden sich auch die Aussagen derjenigen, die Anzeige erstattet hatten oder es versucht hatten, neben all denen, die davon ausgingen, dass sie nicht genug Beweise hatten.

Schlussfolgerungen:

Die Aktion brachte keine „neuen“ Ergebnisse – die Zahlen, die Mythen, die Traumata und die Stigmatisierung der Opfer sind allen, die sich nur ansatzweise mit dem Thema sexueller Gewalt befassen, ein Begriff. Was sie jedoch verdeutlicht, ist dass dieses Thema – Vergewaltigung – die gesamte Gesellschaft zentral betrifft. Das gilt allein schon wegen der hohen Anzahl der Betroffenen. Es gilt aber auch wegen der von den 1105 Menschen auf dem Blog beschriebenen Situation nach den Verbrechen. Sexuelle Gewalt muss als solche wahrgenommen und bezeichnet werden, die Opfer bzw. Überlebende gehören in die Mitte der (sie schützenden) Gesellschaft und die Täter an den Rand – und nicht umgekehrt, so wie es jetzt de facto geschieht. Wir alle müssen das Thema sexueller Gewalt enttabuisieren, ansprechen und aktiv zu einer verlässlichen Hilfestellung für die Opfer beitragen.

Einen kleinen Beitrag leistet diese Aktion. Wir sehen sie immer wieder in Diskussionen oder Foren verlinkt, wenn es um sexuelle Gewalt geht – z.B. bei Beiträgen im Zusammenhang mit Jürgen und Miriam Kachelmanns unsäglichem Buch. Die Einträge der Frauen und Männer, die den Mut hatten, sich zu äußern, setzen ein deutliches Zeichen gegen die überall verbreiteten Mythen zu sexueller Gewalt. Sie zeichnen ein Bild sexueller Gewalt und gesellschaftlicher Realitäten, das – mindestens – nachdenklich macht.

#ichhabnichtangzeigt existiert weiterhin als Bürgerinitiative von Sabina Lorenz und Daniela Oerter. Für ein Buchprojekt sucht Daniela Oerter Betroffene – nähere Informationen dazu auf der Webseite der Aktion.

(Inge Kleine)

Advertisements
Galerie | Dieser Beitrag wurde unter Allgemein, Hierzulande veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Eine Antwort zu #ichhabnichtangezeigt

  1. DocEx schreibt:

    Ich wünsche Ihrer Aktion #ichhabnichtangzeigt, die als Bürgerinitiative weitergeführt wird, viel Erfolg im Interesse der wahren Opfer. Jeder Fall ist ein Fall zu viel. Deshalb fände ich es schade, wenn Sie sich nicht aus dem ‚Krieg der Ideologien‘ heraushalten würden, der sich am Fall D.[…] :/. Kachelmann entzündet hat. Lassen Sie sich nicht instrumentalisieren, es schadet nur den wahren Opfern.

    Das kleine Wörtchen „unsäglich“ hat mich stutzig gemacht, und lässt Zweifel an Ihrer Glaubwürdigkeit aufkommen:

    Ich habe nach Lesen Ihres Artikels in das Inhaltsverzeichnis dieser Dokumentation über die „unsägliche“ Situation eines Justizopfers geschaut und keinen Hinweis auf Ihr Urteil „unsägliches Buch“ gefunden. Viel mehr das Gegenteil, diese Dokumentation ist auch für Ihre Initiative von Interesse.
    Wo ich Ihnen Recht geben muss, die Diskussion in den Foren zu diesem aufklärenden und aufrüttelnden Buch war eben wegen des ‚Krieges der Ideologien‘ mehr als „unsäglich“, und schadet so den vielen wahren Opfern.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s