What about teh menz?

(Titel zitiert nach I blame the patriarchy, (http://blog.iblamethepatriarchy.com/), inzwischen leider kaum noch aktiver genialer feministischer Blog aus den USA) …

Es geht um Männer. (Mit denen ich null komma gar keine Probleme habe, solange ich sie nicht bewundern muss und solange sie keiner Frau im Weg stehen!)

Gewalt schadet Menschen, sie schadet unabhängig von Geschlecht, Alter, Herkunft, Religion oder Schicht. Der folgende Text richtet sich nicht gegen Menschen, die Gewalt erlebt haben, auch nicht gegen Männer, die Opfer von Gewalt oder sexueller Gewalt wurden, egal, in welchem Kontext und durch welche Täter oder Täterinnen. Allerdings muss Menschen, denen zu einem bestimmten Zeitpunkt ihres Lebens Gewalt angetan wurde, nun wirklich nicht erklärt werden, was das heißt. Mein Text richtet sich gegen diejenigen, denen kein Anlass zu schäbig ist, um Feminismus-Bashing zu betreiben und um ihre Frauenverachtung spazieren zu führen. Er ist gegen diejenigen, die Opfer/Überlebende gegeneinander aufrechnen und eine verächtliche Opferhierarchie bewerkstelligen.

Deren typische Argumentation verläuft so:

Frauen werden häufig Opfer häuslicher / sexueller Gewalt [= notwendiges Statement, Dauer ca. 1,5 Sekunden beim Vorlesen], aber wir müssen uns klar machen, dass (*) für Männer alles viel schlimmer ist und gerade Frauen müssen ihnen helfen, sich darum kümmern, selbstkritisch sein und sich in erster Linie damit befassen. Denn anders als Frauen erleben Männer Gewalt als beängstigend, erniedrigend und als beschämend. Für Frauen ist das anders, denn für Frauen ist es normal, verprügelt oder vergewaltigt zu werden, sie erleben dann auch die totale Unterstützung ihrer Umgebung und wenn sie zur Polizei oder vor Gericht gehen, wird ihnen sofort geglaubt. Sie haben ja die Unterstützung der Opferindustrie, und unserer Gesellschaft ist der Gedanke an lügende oder gewalttätige Frauen völlig fremd. Daher ist die jeweilige Journalistin, die das jetzt anspricht, absolut gegen den Mainstream und sehr kritisch, politisch wach und mutig, denn lügende oder prügelnde Frauen sind in unserer Kultur so unbekannt und unbenannt, dass hier Aufklärung betrieben werden muss. (fine)

Natürlich gibt es immer noch ein paar Problemchen bei diesen Postulaten, von denen sich nicht alle wegdiskutieren lassen. Wenn die meisten Opfer häuslicher Gewalt weiblich sind, liegt das sicher nur an der unglaublich hohen Dunkelziffer bei männlichen Opfern. Wenn über 90% der (erwachsenen) Opfer sexueller Gewalt weiblich sind, liegt das ebenfalls an der hohen Dunkelziffer und natürlich an den unendlich vielen Falschanzeigen. (3%-7,5% je nach Statistik, aber Bundeskriminalamt und Polizeibehörden stecken bekanntermaßen mit Feministinnen und Opferindustrie unter einer Decke.)

Bei toten Menschen wird es schwieriger. Wenn die Frau tot ist, simuliert sie wohl eher nicht, bzw. die PathologInnen würden das wohl merken, und die paar „blauen Flecken“ (Pressesprache, in Wirklichkeit: gebrochene Schädel, Kiefer, Jochbeine, Rippen, gerissene oder geplatzte Organe… ) – alle selbst zugefügt bis auf die Todesursache, naja, so weit lehnen sich wohl nicht einmal Kachelmanns, der Spiegel oder die dt. Tagespresse aus dem Fenster. Und dass da erheblich mehr weibliche Leichen herumliegen als männliche, und das in heterosexuellen Partnerschaften, lässt sich nun schlichtweg nicht leugnen.

Aber das will ja auch keine/r! Nein, hier soll doch die Gewalt an Frauen gar nicht geleugnet werden, es soll nur darauf hingewiesen werden, dass (*) da capo al (fine).

Hintergrund dieses Wutanfalls sind zwei Artikel, einer aus der taz und einer aus der Süddeutschen Zeitung:

taz: Sie berichtete am 23. November 2012 zu einer französischen Aktion, in der Frauen unter der Überschrift „Ich wurde vergewaltigt“ antreten, unter anderem um Vergewaltigungsmythen und Opferstigmatisierung zu bekämpfen. Die Französinnen gestalten ihre politische Aktion so, wie sie wollen und ohne den geschlechtsspezifischen Charakter von Vergewaltigungen zu vertuschen. Sie kümmern sich glatt ganz unweiblicherweise um sich selbst (wie unfraulich!). Für Ines Kappert, Leiterin der Meinungsredaktion bei der taz und Verfasserin des Artikels, ist dies „des Differenzfeminismus zu viel“. Hmm, habe ich nicht ganz verstanden, aber vielleicht möchte Frau Kappert noch einmal ein etwas ausführlicheres Lexikon bemühen, bevor sie Fremdwörter in ihre Artikel setzt. Konsequenterweise ist der ganze Artikel auch brav geschlechtsneutral verfasst. (Frage an regelmäßigere taz-Leserinnen: Gilt das auch für andere Artikel oder ist das nur beim Thema Gewalt (gegen Frauen) so dringend nötig? Wie sehen die ‚politischen‘ Artikel aus? Achso, Gewalt, auch sexuelle, ist übrigens nicht politisch, das ergibt sich aus dem Artikel.)

SZ: Hier waren es eigentlich zwei – 5. September 2012 Häusliche Gewalt. Männer, die verkannten Opfer und ein noch älterer Artikel zu Vergewaltigung von Männern in Kriegen. Bei genauerer Lektüre möchte ich den ersten Artikel von meiner Kritik weitgehend ausnehmen. Widerlich sind viele der Kommentare darunter, aber trotz der nicht so tollen Überschrift und der gesellschaftskonformen Einleitung ist der Text nicht so schlimm, wie erwartet. Der zweite Artikel – naja, dazu gibt es einen Leserinnenbrief von Claudia auf diesem Blog.

Was alle betrifft, die Gewalt beenden wollen, ob Opfer, Überlebende, Engagierte –

Veränderungen und ein kritischer Blick auf die Gesellschaft sind sicher nicht von denen zu erwarten, die sich weigern, Gewalt von allen ihren Seiten zu betrachten. Sexuelle oder ‚häusliche‘ Gewalt ist nicht nur ein individuelles, sondern ein politisches und strukturelles Problem. Und das Geschlecht der Beteiligten, der überwiegend männlichen Täter und der überwiegend weiblichen Opfer ist ein dazugehöriger, kein zufälliger Aspekt. Hier wird sich nichts durch diejenigen verändern, denen kein Anlass für Feministinnen-Bashing zu schäbig ist und kein Kontext zu weit hergeholt. Die sich gerade dann besonders giftig und diffamierend vom Feminismus abgrenzen, wenn es um Themen geht, die sich nicht wegdiskutieren lassen, weil die Zahlen eindeutig sind und die Öffentlichkeit gerade mal hinschaut. Wenn frau schon Gewalt gegen Frauen erwähnt, dann muss sie die Beleidigungen bringen. Sonst könnte sie ja mit einer Frau aus den Statistiken (also einem potentiellem Opfer) verwechselt werden. Und in der Gesellschaft könnte sich ja irgendwann doch etwas ändern!

Eine Weigerung, den geschlechtsspezifischen Charakter der sexuellen Gewalt sowie der sogenannten häuslichen Gewalt wahrzunehmen oder ihn zu benennen, bedeutet auch ein Ende jeglicher sinnvollen Analyse und jeglicher wirksamen Prävention. Dieser Charakter ist gegeben, auch wenn es männliche Opfer und Täterinnen gibt. Eine gesellschaftliche Struktur bleibt solange wirksam, wie die Handelnden die in dieser Struktur vorgezeichneten Verhaltensmuster übernehmen. Sie wird nicht dadurch geändert, dass einzelne Individuen Rollenmuster oder Verhaltensweisen aufgreifen, die nicht für sie vorgesehen waren.

Eine einzelne Frau, die sich in der Geschäftswelt durchsetzt und nichts in ihr ändert, ist kein Argument gegen die Machtstrukturen des Big Business. Eine einzelne Frau, die einen Mann bedrängt, belästigt oder schlägt, begeht eine Straftat, aber sie ist kein Argument gegen die Machtstrukturen oder die Funktion von Gewalt in unserer Gesellschaft. Beide sind gleich, und sie sind das Gleiche, was Männer mit diesen Verhaltensweisen sind: Geschädigte und schädigende Menschen einer Gesellschaft mit extrem merkwürdigen Ideen zu Männlichkeit und Weiblichkeit. So zu tun, als bräuchten wir uns damit nicht auseinander zu setzen, nur weil es unbequem ist, das Phänomen sich damit nicht einfach isolieren lässt und weil wir je nach Statistik bis zu einem Viertel Täterinnen haben – sämtliche Straftaten betrachtet – ist unehrlich, dumm, nur kurzfristig karrierefördernd und KomplizInnentum. Und zu denken, wir müssten nur den Feminismus abschaffen und höflich darüber schweigen, dass bei Partnerschaftsgewalt Gewalt und bei sexueller Gewalt die absolut überwiegende Anzahl der Täter Täter sind und nicht Täterinnen, führt nur zu guten Strategien des Verdrängens der Gewalt.

Aber das will ja auch keine/r! Es soll doch nur endlich mal darüber nachgedacht werden, dass (*) ….

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