Offener Brief an Facebook

Offener Brief an Facebook (Soraya Chemaly, Jaclyn Friedman, Laura Bates)

Wir, die Unterzeichnenden, fordern schnelles, umfassendes und effektives Handeln bezüglich der Darstellungen von Vergewaltigungen und häuslicher Gewalt auf Facebook. Wir fordern Sie – die Verantwortlichen bei Facebook – besonders zu drei Maßnahmen auf:

  1. Inhalte, die Gewalt gegen Mädchen und Frauen verharmlosen oder verherrlichen als Hassreden anzuerkennen und eine Verpflichtung, diese Inhalte nicht zu tolerieren.
  2. Facebook-Mitarbeiter und -Moderatoren so auszubilden, dass sie geschlechtsbezogene Hassreden erkennen und entfernen.
  3. Facebook-Mitarbeiter und –Moderatoren so auszubilden, dass ihnen die unterschiedlichen Auswirkungen der Online-Belästigung auf Frauen und Männer bewusst sind, die zum Teil wegen der weltweit verbreiteten tatsächlichen Gewalt gegen Frauen gegeben ist.

Mit diesem Ziel rufen wir Facebooknutzer*innen auf, sich mit Firmen und Werbeagenturen in Verbindung zu setzen (1), deren Werbung auf Facebook neben Seiten erscheint, die Frauen zum Ziel von Gewalt machen. Wir rufen Facebooknutzer*innen auf, diese Firmen zu bitten, ihre Anzeigen solange nicht mehr bei Facebook erscheinen zu lassen, bis Sie – die Verantwortlichen bei Facebook – die oben beschriebenen Maßnahmen ergreifen, um geschlechtsbezogene Hassreden aus Ihrem Netzwerk zu verbannen.

Wir beziehen uns dabei besonders auf Gruppen, Seiten, und Bilder, die ausdrücklich Vergewaltigungen oder häusliche Gewalt entschuldigen oder ermutigen oder den Eindruck erwecken, sie seien für Witze oder Angebereien geeignet. Zur Zeit auf Facebook geduldete Seiten dieser Art sind u.a. “Fly Kicking Sluts in the Uterus”, “Kicking your Girlfriend in the Fanny because she won’t make you a Sandwich”, “Violently Raping Your Friend Just for Laughs”, “Raping your Girlfriend” (2) und sehr viele andere. Bilder auf Facebook zeigen z.B. geschlagene, verletzte, gefesselte, blutende oder unter Drogen gesetzte Frauen mit Bildunterschriften wie: „This bitch didn’t know when to shut up“ und „Next time don’t get pregnant“, auf Deutsch: „Die Schlampe wusste nicht, wann sie die Klappe halten soll“ und „Das nächste Mal wirst Du einfach nicht schwanger.“

Ihre Moderator*innen lassen diese Seiten zu, während Inhalte wie Bilder von stillenden Frauen, Frauen nach Brustentfernungen und künstlerische Darstellungen von weiblichen Körpern regelmäßig entfernt werden. Darüber hinaus blockieren Sie immer wieder politische Statements von Frauen, wenn sie ihre Körper in nicht sexualisierter Weise aus Protest zeigen. Diese Bilder werden als pornografisch eingestuft, während tatsächlich pornografische Inhalte – laut Ihren eigenen Nutzungsbedingungen nicht zulässig – stehen bleiben. Facebook scheint Gewalt gegen Frauen für weniger schädlich zu halten als gewaltlose Bilder von Frauenkörpern, und die einzig akzeptierte Darstellung weiblicher Nacktheit ist offenbar diejenige, in der Frauen als Sexobjekt oder Gewaltopfer auftauchen.  Ihre übliche Praxis, diese Inhalte einfach zuzulassen, wenn nur der Begriff [Humor] angehängt wird,  macht aus gewaltverherrlichenden Texten und Bildern gegen Frauen wortwörtlich Witze.

Die neuesten weltweit vorgelegten Schätzungen der Say No UNITE Kampagne der Vereinten Nationen (3) (United Nations Say No UNITE) zeigen, dass die Anzahl von Frauen und Mädchen, die in ihrem Leben Gewalt erfahren, nun bei unerträglichen 70 Prozent liegt. In einer Welt, in der so viele Mädchen und Frauen irgendwann in ihrem Leben vergewaltigt oder geschlagen werden, tragen Sie zu einer Normalisierung dieser häuslichen und sexualisierten Gewalt bei, da Sie zulassen, wie Inhalte über Vergewaltigungen und andere brutale Gewalt geteilt, belächelt oder zum Gegenstand von Witzen oder Prahlerei werden. Sie unterstützen damit eine allgemeine Stimmung, in der Täter eher davon ausgehen, straffrei zu bleiben und die den Opfern zu verstehen gibt, dass sie bei Anzeigen nicht ernst genommen werden.

Einem Bericht des britischen Innenministeriums (4) zufolge hält einer von  fünf Menschen es unter bestimmten Bedingungen für hinnehmbar, wenn ein Mann seine Frau oder Freundin als Reaktion auf ihre offene oder freizügige Kleidung in der Öffentlichkeit schlägt. 36 Prozent glauben, dass eine Frau ganz oder teilweise verantwortlich ist, wenn sie bei einem sexuellen Übergriff oder einer Vergewaltigung betrunken ist. Solche Einstellungen bilden sich zum Teil durch so enorm einflussreiche Soziale Medien wie Facebook heraus und tragen zur Opferbeschuldigung und zur Normalisierung von Gewalt gegen Frauen bei.

Obwohl Facebook den Anspruch erhebt, sich nicht in die Diskussion gesellschaftlicher Normen einzumischen oder Zensur zu betreiben, so haben Sie doch Vorgehensweisen, Nutzungsbedingungen und gemeinschaftliche Richtlinien, die Sie auslegen und umsetzen. Facebook untersagt Hassreden und ihre Moderator*innen kümmern sich jeden Tag um Inhalte, die gewaltbetont rassistisch, homophob, islamfeindlich und antisemitisch sind. Ihre Weigerung, geschlechtsbezogene Hassreden ebenso anzugehen, drängt Mädchen und Frauen an den Rand der Gesellschaft und marginalisiert unsere Erfahrungen und Anliegen. Facebook ist ein riesiges soziales Netzwerk mit mehr als einer Milliarde Nutzer*innen weltweit. Dies gibt Ihnen einen entscheidenden Einfluss bei der Schaffung und Beeinflussung sozialer und kultureller Normen und Verhaltensweisen.

Die Facebook-Reaktion auf Tausende von Beschwerden und Aufrufen, sich diesen Themen zu stellen, war bisher unzureichend. Sie haben sich weder öffentlich dazu geäußert, noch sind Sie auf besorgte Nutzer*innen eingegangen, noch haben Sie Vorgehensweisen beschlossen, die eine Verbesserung der Situation bewirken. Sie verhalten sich auch in Bezug auf Ihre eigenen Richtlinien widersprüchlich, wenn Sie sich in vielen Fällen weigern, die von Nutzer*innen gemeldeten gewaltverherrlichenden Bilder zu Vergewaltigungen und häuslicher Gewalt zu entfernen, dies aber doch geschieht, sobald diese Bilder von Journalist*innen in deren Artikeln erwähnt werden. Damit vermitteln sie die deutliche Botschaft, dass Sie es Ihnen eher um Einzelfallreaktionen zur Wahrung Ihres Images geht als darum, einen grundlegenden Richtungswechsel vorzunehmen und deutlich sichtbar öffentlich gegen die gefährliche Duldung von Vergewaltigungen und häuslicher Gewalt aufzutreten.

In einer Welt, in der täglich tausende Frauen angegriffen werden und in der die Gewalt durch unmittelbare Partner eine der hauptsächlichen Todesursachen für Frauen ist, bleibt keine Möglichkeit, sich neutral zu verhalten und abzuwarten. Wir fordern Facebook auf, die einzig verantwortungsvolle Entscheidung zu fällen und schnell und klar in dieser Angelegenheit zu handeln. Wir fordern Facebook auf, bei Vergewaltigung und häuslicher Gewalt genauso vorzugehen, wie es Ihren eigenen Zielen und Richtlinien entspricht.

Mit freundlichen Grüßen,

Laura Bates, The Everyday Sexism Project
Soraya Chemaly, Writer and Activist
Jaclyn Friedman, Women, Action & the Media (WAM!)
Angel Band Project
Anne Munch Consulting, Inc.
Association for Progressive Communications Women’s Rights Programme
Black Feminists
The Body is Not An Apology
Breakthrough
Catharsis Productions
Chicago Alliance Against Sexual Exploitation
Collective Action for Safe Spaces
Collective Administrators of Rapebook
CounterQuo
End Violence Against Women Coalition
The EQUALS Coalition
Fem 2.0
Feminist Peace Network
The Feminist Wire
FORCE: Upsetting Rape Culture
A Girl’s Guide to Taking Over the World
Hollaback!
Illinois Coalition Against Sexual Assault
Jackson Katz, PhD., Co-Founder and Director, Mentors in Violence Prevention
Lauren Wolfe, Director of WMC’s Women Under Siege
Media Equity Collaborative
MissRepresentation.org
No More Page 3
Object
The Pixel Project
Rape Victim Advocates
Social Media Week
SPARK Movement
Stop Street Harassment
Take Back the Tech!
Tech LadyMafia
Time To Tell
The Uprising of Women in the Arab World
V-Day
The Voices and Faces Project
The Women’s Media Center
Women’s Networking Hub
The Women’s Room

Originalartikel:

http://www.huffingtonpost.com/soraya-chemaly/an-open-letter-to-faceboo_1_b_3307394.html

Mitmachen und weitere Infos:

(1)    Hier können Sie bei der Aktion mitmachen: http://www.womenactionmedia.org/facebookaction/

(2)    Beispiele der erwähnten Darstellungen (TRIGGERWARNUNG!): http://www.womenactionmedia.org/examples-of-gender-based-hate-speech-on-facebook/

(3)    Aktuelle Zahlen: http://saynotoviolence.org/issue/facts-and-figures

(4)    Bericht des britischen Innenministeriums (PDF): webarchive.nationalarchives.gov.uk/+/http:/www.homeoffice.gov.uk/documents/violence-against-women-poll?view=Binary

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4 Antworten zu Offener Brief an Facebook

  1. Johna461 schreibt:

    When I originally commented I clicked the Notify me when new comments are added checkbox and now every time a comment is added I get 4 emails using the same comment. Is there any way you may take away me from that service? Thanks! kdebkbeeaecd

  2. Pingback: Mädchenmannschaft » Blog Archive » Facebooks Feminismusproblem

  3. Johann schreibt:

    Ähem, wäre es nicht konsequent und fair die erste Forderung („Inhalte, die Gewalt gegen Mädchen und Frauen verharmlosen oder verherrlichen als Hassreden anzuerkennen und eine Verpflichtung, diese Inhalte nicht zu tolerieren“) auch geschlechtsneutral zu halten?
    Abgesehen davon: Wenn ich richtig informiert bin, entfernt Facebook auch die von Euch genannten Inhalte. Problematisch dürften eher Verlinkungen zu Bildern, Texten & Videos sein, die auf anderen Internetseiten liegen und eben lediglich der Link zu diesen Seiten auf Facebook gepostet wird. Für die kann aber Facebook nichts und die Inhalte können sie eben auch nicht löschen, weil sie keinen Zugriff auf diesen Content haben.

    • Innis schreibt:

      Facebook entfernt diese Bilder erst dann, wenn sie den Mainstream Medien auffallen. Und da die gezeigte und auf diesen Bildern geduldete Gewalt ja auch nicht geschlechtsneutral ist, muss hier auch nicht geschlechtsneutral formuliert werden.

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